"Ich wär' der Büffel und du das Krokodil!"
Gedanken zum Rollenspiel als systemisch-konstruktivistischem Ansatz.


Zusammenfassung:

Der systemisch-konstruktivistische Ansatz in Theorie und Praxis wird kurz dargestellt und dann im einzelnen aufzeigt, wie Pädagogisches Rollenspiel sich aus Sicht dieses Ansatzes verstehen läßt. Dabei werden besonders die Vorgänge beim "rekonstruierenden" Protagonistenspiel beleuchtet und als Neukonstruktion gedeutet. Wesentliche Parallelen zwischen Rollenspielarbeit und systemisch-konstruktivistischem Vorgehen werden ebenso aufgezeigt wie das, was wir durch Rollenspiel im Lichte dieses neuen Ansatzes gewinnen.
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Zum systemischen Denken und Handeln

....... Systemisches Denken geht immer zurück auf die zirkuläre Logik, die Idee der Zirkularität von Interaktionen, wonach zwei „Komponenten“ wechselseitig Ursache und Wirkung füreinander sind. Beispiele sind Ei und Henne (und Ei und Henne und..); oder zwei Partner im Streit, in welchem jede ... Setzung eines Anfangs, einer einseitigen Verursachung willkürlich ist. .......

Ein zweites wichtiges Moment ist die Annahme, daß Verhalten wie Deutungen gesteuert sind von halbbewußten Annahmen über ihre Auswirkungen, und zwar zumeist von Annahmen über die Auswirkungen in wichtigen Beziehungssystemen.
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Zentral für systemisches Denken ist zum dritten die Idee der Kybernetik II. Ordnung, nach der nicht nur die Wechselwirkungen zwischen den Komponenten des Beobachteten relevant sind, sondern auch die Wechselwirkungen zwischen Beobachter und Beobachtetem. Wir betreten hier das Feld der Selbstrückbezüglichkeit und damit der Paradoxien
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....... Für uns als professionelle Berater, Rollenspieler, Klärungshelfer hieße das, uns gleichsam zu verdoppeln und uns selbst als Einflußgröße im Prozeß etwa einer Beratung mitzudenken. Ferner hieße es, uns auch als Element des Kontextes, im Beispiel: einer Beratungsstelle mitzudenken so, wie sie von den Klienten verstanden wird - etwa als Hilfeeinrichtung oder als Gerichtssaal.
Zu reflektieren wäre für Rollenspielleiterinnen und –leiter, wie im sog. rekonstruierenden (!) Einzelrollenspiel das Setting "hier findet Rollenspiel statt" und die eigene Präsenz als LeiterIn mit seiner, ihrer ganz persönlichen Eigenart die Sichtweise und die Darstellungsweise des Protagonisten beeinflußt. Anders gesagt: Welche Realitäten vom Protagonisten unter diesen Bedingungen eher konstruiert werden und welche eher nicht. .......

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Das, womit der Hauptspieler ankommt und das Spiel beginnt und was so gerne (auch von den Teilnehmern) als Wiederspiegelungen oder Abbilder der Realität genommen wird, ist "in Wirklichkeit" (nun aber wirklich!) Konstruktion.
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Was am Rollenspiel so eminent systemisch ist, wird klar, wenn man Erfahrungen des Rollentauschs erinnert: Im Rollentausch ist man immer wieder aufgefordert, das eigene Verhalten aus der Perspektive des Gegenübers zu sehen, das man als schwierig, feindlich, böse kennt. Und mit diesem ständigen Einnehmen der anderen Perspektive gerät ins Wanken, was als klare Ursache-Wirkungs-Relation vorher noch ein sicheres Weltbild und einem selbst recht gab: daß nämlich der andere der Täter, man selbst das Opfer sei, daß dort eher Ursache, bei einem selbst vor allem Wirkung liege, und daß der andere, so wie er ist, auch wirklich und an sich und in sich ist. Was stattdessen auftaucht, ist die Ahnung der eigenen Wirkung, das Gespür dafür, wie man auf den anderen wirkt, und damit das Wissen, daß man selber wirkt und einwirkt und mitverantwortlich ist für das gemeinsame Muster. Damit entsteht Erkenntnis, daß der andere sich zwar böse, schwierig, feindlich zeigen mag, aber innendrin womöglich anders fühlt; und daß er sich vielleicht böse, schwierig, feindlich zeigt, aber eben auch durch mich. Was im systemischen Arbeiten oft beim Stellen der Verschlimmerungsfrage geschieht - "Was könnten Sie tun, damit Ihr Mann (Ihr Kind, Ihr Chef) sich noch aggressiver zeigt?" -, daß nämlich die Leute merken, daß sie manches von dem "Schlimmen" eigentlich längst tun, wird hier im Spiel erfahrbar. Und die Umkehrung, die der Verschlimmerungsfrage folgt - "Nehmen wir an, man könnte das, was es schlimmer macht, rumdrehen, hieße das womöglich, wenn Sie weniger so.., sondern eher so.., daß dies dann eher positiv sich auswirken würde?" - kann entsprechend im erprobenden Rollenspiel anhand der Verhaltensmodelle anderer von einem selbst in der Rolle des "Gegners" oder Gegenübers überprüft und innerlich nachvollzogen werden. Damit ist hier wie dort die "kausal-lineare Unschuld", die naiv das eigene Wirken ausblendet, dahin. Wird im systemischen und zirkulären Fragen das „Tun des Einen“ mit dem „Tun des anderen“ (13) (z.B. des als „Problemträger“ identifizierten Einzelnen) zirkulär verknüpft, so wird eben diese Verknüpfung im permanenten Rollenwechsel des Protagonistenspiels erlebnismäßig verankert. Zugleich findet in der Inszenierung - etwa eines Streitgesprächs - bereits Veränderung statt: der ständige Rollentausch wirkt als Musterunterbrechung, als Verstörung halbautomatisch abgelaufener Verhaltensmuster, die Raum für Abweichung vom Gewohnten öffnet. Systemisch gedacht: Mit der Veränderung eines Elements im Muster(system) kann sich das ganze ändern.

....... Rollenspiel ist aus meiner Sicht systemisch-konstruktivistisches Handeln. Denn zum einen geht es immer um "Konstruktionen", subjektive Wirklichkeiten, die inszeniert und ins Spiel gebracht und in Tun und in Spiegelung neu verstanden und verändert werden. Und zum anderen geht es beim Rollenspiel immer um Interaktion in einem Beziehungssystem, sei es die innere Familie oder das äußere Team. Und da, wo dieses Bezüge verlorengegangen sind, geht es darum, diese Beziehungskontexte wiederherzustellen. Eben dies entspricht dem Anliegen systemischen Arbeitens, isolierte, festgeschriebene, verfestigte "Wirklichkeiten" wieder zu "verflüssigen", indem man sie rekontextualisiert.


Das Spiel mit Möglichkeiten

Eine wesentliche Verwandtschaft zwischen Rollenspiel und systemisch-konstruktivistischem Zugang sehe ich außerdem im grundlegend spielerischen Verhältnis zu "Wirklichkeit". Vorgefundene "Realitäten" werden - hier auf der Handlungsebene, dort auf der sprachlichen Ebene - ins Spiel, in Bewegung gebracht, umspielt, erspielt, bis neue Möglichkeiten sich auftun. "Ich wär' der Büffel und du das Krokodil!", dieser Satz eines Zweitkläßlers, mitten in mein Vorlesen einer Geschichte, scheint mir der Rollenspiel-Konjunktiv schlechthin. Ihm entpricht das vielfältige Repertoire hypothetischer Fragen des Systemikers, die beginnen können mit "Nehmen wir einmal an ..." .......

Nehmen wir mal an, Sie wären als Leser flexibel genug, noch einen weiteren Denkraum, den der Hypnotherapie MILTON ERICKSONs, zumindest kurz zu durchstreifen, einen Blick reinzuwerfen oder mal eben reinzuhören oder –riechen, dann ließen sich Wirklichkeit und Möglichkeit noch ganz anders verstehen: Danach ist nämlich Wirklichkeit zwar für das logisch-bewußte Denken von Möglichkeit strikt getrennt - wozu haben wir schließlich Logik und Grammatik? Aber für das eher bildhafte Denken, das sich erlebnismäßig auswirkt und damit seine eigene Wirklichkeit entfaltet, ist das Hypothetische, Erdachte, Erspielte, selbst das Verneinte genauso wirklich wie das andere. Genauso, wie sich im Autogenen Training Vorstellungen körperlich auswirken, werden in einer eher deprimierten oder einer eher gelösten Beschreibung Problemzustand oder Gelöstheit ganzheitlich erfahrbar, zumal wenn die Beschreibung alle Ebenen des Erlebens - Hören, Sehen, Tasten, Riechen, Schmecken und Fühlen - sowie Umgebungsmerkmale, die Elemente des szenischen Aufbaus, mit aufnimmt. (14) In diesem Lichte versteht sich der Wert der Rollenspiel-Erfahrung, daß ein Mensch als jemand anderer, im Schutz einer Rolle, Dinge kann, die er sonst nicht kann, noch einmal neu: Auf der suggestiv wirksamen Erlebnisebene macht es keinen Unterschied, ob er er selbst oder "jemand anderes" war, der das vollbrachte, denn es geschah ja "wirklich". Das bildhafte Denken kennt kein Nein und kein Als-ob, und so kann Probehandeln im Rahmen einer Rolle hochwirksam werden.

"Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muß es auch Möglichkeitssinn geben" überschreibt MUSIL in seinem Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" ein Kapitel, und definiert ihn als die Fähigkeit, "alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist".(15) Die Entfaltung dieses Möglichkeitssinns scheint mir Voraussetzung für Veränderung, Vision, Utopie; notwenig, um versteinerte Verhältnisse wieder zum Tanzen zu bringen. Hierzu leisten Rollenspiel wie systemisch-konstruktivistisches Arbeiten einen Beitrag. Stärke des systemischen Ansatzes ist dabei die schwebende Leichtigkeit der Konstruktionen, die allemal so frei sind wie die Gedanken; Stärke des Rollenspiels die Einprägsamkeit emotionaler, dramatischer Szenen.

© Jörn Osselmann 1998