Konstruktivismus

1. Konstruktivismus allgemein

"Konstruktion" klingt im alltäglichen Sprachgebrauch zunächst merkwürdig - so, als würde da auf irgendeine gekünstelte Weise etwas "konstruiert". Gemeint ist im allgemeinsten Sinne des Begriffs aber, daß jemand etwas tatsächlich so sieht, so denkt und so wahrnimmt, daß er am Ende sagt: es ist wirklich so und nicht anders. Und das ist dann seine Wirklichkeit, die sich von der anderer unterscheidet, seine Konstruktion der Wirklichkeit.

Konstruktivismus i.e.S. ist eine Erkenntnistheorie mit neuro-psychologischem und kognitionswissenschaftlichem Hintergrund. Wie alle Erkenntnistheorie sucht er eine Antwort auf die KANTsche Frage ”Was können wir wissen?”. Sie lautet, kurz gesagt: sehr wenig. Wir wissen nicht, ob und wieweit unsere Erkenntnis von Welt, unsere “Konstruktionen” der Wirklichkeit dieser entsprechen. Unsere Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt sind nur insoweit passend, als wir damit überleben. Wir wissen nichts von der Wirklichkeit der Welt im Sinne einer “wahrheitsgemäßen Abbildung".

Es ist ”die Vorstellung einer Welt ..., die nicht unabhängig von den darin existierenden Individuen interpretiert werden kann: Die vermeintlich objektive Wirklichkeit sei eine immer subjektiv konstruierte und interpretierte Wirklichkeit, die in einem gemeinsamen Prozess der Kommunikation erst Verbindlichkeit erlangt." (BRANDL 1997)


2. Radikaler Konstruktivismus

Eine der Grundaussagen des radikalen Konstruktivismus faßt VARELA wie folgt zusammen:

"Der Ausgangspunkt ... ist das Setzen einer Unterscheidung. Mit diesem Urakt der Trennung unterscheiden wir Erscheinungsformen voneinander, die wir dann für die Welt selbst halten. Davon ausgehend bestehen wir ... auf dem Primat der Rolle des Beobachters, der seine Unterscheidungen an beliebiger Stelle macht. Diese Unterscheidungen, die ... unsere Welt erschaffen, ... beziehen sich viel eher auf den Standpunkt des Beobachters als auf die wahre Beschaffenheit der Welt, die infolge der Trennung von Beobachter und Beobachtetem immer unerfaßbar bleibt." (VARELA 1975, zit. nach WATZLAWICK 1985, Epilog, S. 315)

Wenn jede Aussage, jede "Beobachtung" von einem Beobachter gemacht wird und wenn wir infolge der Trennung zwischen Beobachter und Beobachtetem nichts von der wahren Beschaffenheit der Welt wissen können, so sagt jede Aussage vor allem etwas über den, der sie macht.
Antwortet jemand auf die Frage, wie die Welt entstanden sei, mit dem Hinweis auf die Urschildkröte, so sagt uns dies, daß der Betreffende vermutlich Hindu ist; antwortet er ”in 7 Tagen", können wir ihn womöglich als christlichen Fundamentalisten einordnen; nennt er den ”Urknall" als Erklärung, so verrät er uns seinen Wissenschaftsglauben. Durch keine der Antworten wissen wir etwas über die Entstehung der Welt. (Beispiel: HEINZ VON FÖRSTER, Kongreßvortrag “Weisen der Welterzeugung” Heidelberg 1998)

VON GLASERSFELD formuliert die radikal-konstruktivistische Aussage folgendermaßen:

"Wissen wird vom lebenden Organismus aufgebaut, um den an und für sich formlosen Fluß des Erlebens so weit wie möglich in wiederholbare Ereignisse und relativ verläßliche Beziehungen zwischen diesen zu ordnen. " (VON GLASERSFELD in WATZLAWICK 1981, S.37)

WATZLAWICK veranschaulicht diese Grundaussage mit folgendem Bild: