Zum Verständnis von Trance


"Der Tübinger Psychologie-Professsor und Hypnosetherapeut Dirk Revenstorf beschreibt Trance als 'Innenwendung der Aufmerksamkeit'; wenn man etwa in einen fesselnden Film 'versinkt‘ und alles um sich herum vergißt - auch den unbequemen Kinosessel und den mit Zellophan raschelnden Nachbarn."

"..auch bei Aktivitäten wie Joggen, Stricken oder Radfahren kann man geistig ganz woanders sein. Wer beim monotonen Dahinrasen auf der Autobahn schon einmal mental (geistig) 'abgedriftet' ist und später eine Erinnerungslücke von 50 Kilometern hatte, weiß, was gemeint ist.
Etwas Ähnliches geht in abgeschwächter Form im ... Leser vor, der diese Zeilen aufmerksam liest: Er ist hellwach, aber blendet aus, was außerhalb seines direkten Aufmerksamkeitsfeldes liegt - seine Atmung, den kratzenden Pullover oder Geräusche von der Straße. Und er spürt seine Hände nicht, die den” Text ”halten. (Erst jetzt, daran erinnert, fühlt er sie wieder.) Trance ist kein magisch-mysthisches Phänomen, sondern nach den Worten von Revenstorf 'etwas ganz Natürliches'.” *)

Trance ist allerdings nicht notwendig mit meditativer Entspannung verbunden - die Tranceläufer im früheren Tibet, Balinesen, die über glühende Kohlen laufen, oder Malaysier, die mit einem Schwert durch die Rückenhaut tanzen, sind in Bewegung in einer ganz intensiven Trance. Trance kann verstanden werden als sehr fokussierte, ”eingeengte” oder aber stark erweiterte, ”überdehnte” Aufmerksamkeit **)

”In der modernen Hypnotherapie erweitert sich der Trancebegriff. Unter Trance werden hier nicht nur die landläufig bekannten Entspannungszustände mit Katalepsie und nach innen gerichteter Aufmerksamkeit verstanden; diese stellen nur einen ... Sonderfall möglicher Tranceprozesse dar. Der Trancebegriff umfaßt hier alle Erlebnisprozesse, bei denen unwillkürliches Erleben vorherrscht.” ***)


Wesentlich für die Unterscheidung von Nicht-Trancezuständen ist die Dichothomie willkürlich-unwillkürlich:

”Erlebnisprozesse, bei denen unwillkürliches Erleben (”es passiert ganz unwillkürlich”) verbunden mit dem Erleben von Dissoziation gegenüber willkürlichem vorherrscht, werden als Trance bezeichnet"

”Hypnose wird allgemein als der interaktionelle Prozeß einer systematischen Aufmerksamkeitsfokussierung verstanden...

”Hypnotische Kommunikation” wird damit zum Prototyp jeder Kommunikation." (SCHMIDT op.cit. S. 181/182)

Trance erscheint damit als etwas sehr Alltägliches, als ein Bewußtseinszustand, den man nur darum oft nicht bewußt registriert, weil es eben kein wacher Bewußtseinszustand ist. Aber wenn Sie sitzen und in der Capuccino-Tasse vielleicht Kakaogalaxien im Milchschaum rühren... und rühren..., und Sie sind einen Moment abwesend, bis eine störend laute Stimme ruft ”Träumst Du?”, dann war das eine Alltagstrance. Alltagstrance ist auch, wenn Zuhörer einem Redner ”gefesselt”, ”gebannt”, "wie hypnotisiert" zuhören. Redet jemand von einem guten Essen so anschaulich und lebendig, daß einem buchstäblich das Wasser im Munde zusammenläuft, so könnte man dies ”Appetittrance” nennen. Redet jemand so intensiv von seinen deprimierten Zuständen, daß man nach 10 Minuten selbst sich bleiern schwer fühlt, dann haben wir es mit ”Deprimiertheitstrance” zu tun (einer sehr häufigen Form von Problemtrance). In all diesen Fällen findet auf sprachlichem Wege Suggestion statt - immer vorausgesetzt, daß der Zuhörer läßt sich auf das Thema einläßt und die Fremdsuggestion als Selbstsuggestion übernimmt.

Durch die Wahl eines Themas und meiner Worte treffe ich – konstruktivistisch gesprochen - bestimmte Unterscheidungen. Indem ich bestimmte sprachliche ”Konstrukte” ins Gespräch bringe, - und vielleicht achten Sie einmal darauf, was diese Worte in Ihnen auslösen - z.B.:

Wald”....... ”hüpfen”....... ”müde”...... oder ”J u c k r e i z”......... ,

stelle ich den anderen vor die Notwendigkeit, sich damit inhaltlich auseinanderzusetzen,und sei es nur in Abgrenzung dagegen (es sei denn, es gelänge ihm, den Sirenenklängen die Ohren gänzlich zu verschließen).

In diesem Sinne gilt der konstruktivistische Satz "Deskription ist Präskription": Beschreiben heißt immer auch vorschreiben, womit der andere sich beschäftigen soll.

Im Sinne der obigen Überlegungen zu Trance kann nun jede solche Unterscheidung aufgefaßt werden als eine Einladung, seine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Bereich zu fokussieren. Miteinander reden, miteinander kommunizieren heißt hiernach ständig einzuladen, sich auf bestimmte Denk-, Fühl- Vorstellungs-, Bildbereiche einzulassen, gewissermaßen in einen inneren Film mit einzusteigen.

Aufmerksamkeitsfokussierung kann beschrieben werden als eine selbstorganisierte Form des assoziativen Zusammenfügens von sinnlichen Erlebniselementen. So werden beispielsweise visuelle innere/äußere Bilder, auditive Elemente, innere und äußere Dialoge, kinästhetische, gustatorische und olfaktorische Eindrücke, Alters- und Größenerleben, Atemmuster, Körperkoordination mit Verhalten, Bewertungen und Bedeutungsgebung synchron verbunden. Solche Verkoppelungen werden als "Muster" bezeichnet. Erleben ist Ergebnis solcher selbst (auf willkürlicher und unwillkürlicher Ebene) zusammengefügter Muster.” (SCHMIDT 2000, S. 179)

Suggestion, Hypnose wäre danach der erfolgreiche Versuch, solche Muster beim Gegenüber zu evozieren. Dieser Versuch muß nicht bewußt geplant sein: So können z.B. deprimierte Menschen äußerst effektive, ”runterziehende” Suggestionswirkungen erzeugen, ohne daß man ihnen eine bewußte Absicht dazu unterstellen muß - ebensowenig wie einer ungewöhnlichen, ”ansteckenden” Fröhlichkeit den Plan, andere zu erheitern. Nichtsdestoweniger kann solche Fröhlichkeit äußerst wirksam ”anstecken”.

”In Interaktionen ”hypnotisieren” (durch entsprechende Aufmerksamkeitsfokussierung) wir uns ständig (und oft ungewollt) gegenseitig in einer bewußt nicht wahrnehmbaren, aber höchst wirksamen Weise. Die dabei entstehenden Muster können nach einiger Zeit wie automatisch ganz unwillkürlich abgerufen werden. ” (SCHMIDT op.cit. S. 185)

Dieser "Ansteckung" ist allerdings niemand willenlos ausgesetzt. Niemand ist gezwungen, einer noch so suggestiven Einladung Folge zu leisten. Immer trifft man selbst auf unterschiedlichen seelischen Ebenen die Entscheidung, ob es in einem gegebenen Moment für einen stimmig ist - ob die Umstände stimmen, ob die Person die richtige ist, ob der Kontakt für einen selbst gerade stimmig ist, um sich eine Trance zu erlauben.


*) in: "STERN" 1994, S. 128-138
**) REVENSTORF, DIRK, ”Hypnotherapy - empirical and theoretical stae of the art”, Vortrag 4th Nepal-German Internat. Medical Conference, Kathmandu, 14.3.2000
***) SCHMIDT, GUNTHER, "Wahrgebungen" aus der "inneren" und "äußeren" Welt des Therapeuten und ihre Nutzung für zieldienliche therapeutische Kommunikation, in: Familiendynamik, 25. Jg., Heft 2, April 2000, S. 181/182

© Jörn Osselmann 2000