Zirkularität

Die Henne ist der
Umweg eines Eies,
ein anderes Ei zu er-
zeugen (L. STERNE)

Zirkularität bedeutet in kargster Formulierung, dass zwei Komponenten wechselseitig füreinander Ursache und Wirkung sind. Dies gilt für die zirkuläre Verknüpfung zwischen Raumtemperatur und Heizungsaktivität über Sensorik und Motorik des Thermostaten ebenso wie für die zwischen Lärmpegel einer Schulklasse und der Lautstärke der Lehrperson. Für die jeweils e i n e Komponente formuliert heißt das: Ein Verhalten entfaltet - auf dem Umweg über das Verhalten seines Gegenübers - eine Wirkung auf seinen weiteren Verlauf. 1) Das "Verhalten" der Heizung verändert sich letztlich durch ihre eigenes An- und Abschalten, indem es die Raumtemperatur über oder unter den Sollwert des Thermostaten bringt; das "Verhalten" der Lehrperson, leiser zu sprechen oder lauter zu werden, beeinflusst sich selbst auf dem Umweg über die beim Gegenüber damit erzeugten Wirkungen.
Ein altes Denkbild unserer Kultur für die zirkuläre Verknüpfung von Ursache und Wirkung ist der Circulus vitiosus, der Teufelskreis. Von ihm sprechen wir, wenn mehr vom unerfreulichen Einen zu mehr vom unerfreulichen Anderen und umgekehrt führt, so dass es zu einer beidseitigen Stabilisierung bzw. Steigerung des Negativen kommt. So führt z.B. mehr Kälte im Himalaya zu mehr Gletschereis, welches Sonnenlicht abstrahlt, wodurch es noch kälter wird. Ein weiteres klassisches Beispiel ist die rezessive Wirtschaftsentwicklung: Sinkende Nachfrage der Käufer veranlasst konkurrierende Händler, die Preise zu senken, und dies motiviert die Käufer - in der Erwartung noch weiterer Preisnachlässe - zu eher abwartendem Kaufverhalten, und so fort.

In der klinisch-psychologischen Literatur zur Depression tauchte der Teufelskreis in den 70ger Jahren bei BECK als 'downward spiral' auf: Schlechte Stimmung fördert Selbstabwertung - fördert schlechte Stimmung etcetera .
Unter dem Gesichtspunkt der reinen Zirkularität ließe sich nun eben so gut ein Engelskreis erfinden: mehr Wärme und Freundlichkeit hier führt zu mehr Freundlichkeit da - führt zu mehr Freundlichkeit hier - und so fort. Ein Sprachbild für positive Gegenseitigkeit liefert das Sprichwort "Eine Hand wäscht die andere". Hier wird Wechselseitigkeit aktiv und bewusst zum jeweils eigenen Nutzen angestrebt, ähnlich wie im weitmaschig und doch fest geknüpften Netz der Verpflichtungen zu gegenseitiger Hilfeleistung in agrarischen Kulturen: Die Verpflichtung steht fest, aber ihre Erfüllung muß nicht sofort und 1:1 erfolgen. A hilft B bei der Ernte und bekommt irgendwann Hilfe zurück - vielleicht bei der Ernte, bei der Ausrichtung einer Hochzeit, meist direkt von B, mitunter aber auch von C, den B unterstützt hatte.
Im neutralen Bereich liegt das Sprichwort "Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus". Dies klingt einfacher als es oft ist, liegt es doch in der Deutungshoheit des Waldes, zu entscheiden, ob gerade geflüstert, gebrüllt, geschimpft oder geflötet wurde.

Das Denken in zirkulären Prozessen impliziert im zwischenmenschlichen Bereich Mitverantwortung an jeglicher Interaktion. Das bedeutet Verantwortung für unser Handeln wie für unsere Interpretation dessen, was andere tun. Dem steht diametral unsere Neigung entgegen, anderen die Schuld zu geben, wenn es schwierig wird; im Bild des Waldes: Eher Brüllen und Schimpfen wahr zu nehmen. Nirgend fällt es so schwer wie im Streit, die Wechselseitigkeit allen Handelns und damit die eigene Mitverantwortung für Unerwünschtes wahr zu nehmen, wahr sein zu lassen, wahr zu 'geben'. "Gewohnheitsmäßig errichten wir eine Barriere aus Schuldzuweisungen, die uns daran hindert, aufrichtig mit anderen zu kommunizieren, und wir verteidigen und verstärken diesen Schutzwall mit unserer Vorstellung von Recht und Unrecht. ... Dieser Mechanismus ist eine weit verbreitete, hoch entwickelte Methode, das eigene Wohlbefinden zu verbessern." 2)

Zumindest kurzfristig. Das dicke Ende kommt meist nach.

aus: Eckard König/ Gerda Volmer: Systemische Organisations-beratung, Grundlagen und Methoden 5. Auflage 1997, Deutscher Studien Verlag - Weinheim S. 208

Typische Muster unerfreulicher Wechselbeziehungen mit "dicken Enden" hat GREGORY BATESON mit dem Konzept der "Schismogenese" bei "symmetrischen" und "komplementären" Eskalationen beschrieben. 3) Im Fall der symmetrischen Eskalation führt mehr vom Einen spiegelbildlich zu mehr des Gleichen auf der Gegenseite: Mehr Rüstung der USA führte zu mehr Rüstung der UDSSR führte zu mehr desgleichen in den USA;
Radikalisierung und Fundamentalisierung der Islamisten, die sich in ihrer Kultur bedroht sehen, führt zu Radikalisierung und Fundamentalisierung der USA im Kampf gegen die "islamistische Bedrohung", und so fort.

Bei komplementärer Eskalation hingegen erzeugt mehr des Einen mehr von seinem Gegenteil: mehr Dominanz des einen Partners z.B. provoziert mehr Unterwürfigkeit beim anderen, und Subdominanz beim anderen wiederum mehr Auftrumpfen des Einen. Anzeichen großer Hilflosigkeit beim Einen regen vielleicht tatkräftige Hilfeleistung beim Anderen an, was wiederum die Bereitschaft zur Eigenaktivität des Hilflosen schwächen kann - etc.

Dabei soll nicht übersehen werden, dass jederzeit die Möglichkeit besteht,
das Muster zu unterbrechen, aus der wechselseitigen Eskalation auszusteigen. Niemand ist gezwungen, sich zu ärgern, sich provozieren zu lassen oder aufzurüsten. Eskalationen frühzeitig aufzulösen, ihnen die Spitze abzubrechen, Versöhnungsrituale einzuleiten kann geradezu ein kulturelles Muster des Umgangs und der Erziehung sein, wie BATESON auf Bali beobachtete. 4) Wegsehen, aus dem Felde gehen, den Fokus der Aufmerksamkeit wechseln wird hier schon kleinen Kindern beigebracht. Streits können ohne Crescendo und Paukenschlag einfach verebben wie Legong-Musik, die ohne dynamischen Schlusspunkt in einem Leiser- und Langsamer-Werden ausklingen kann. Keiner muss mitspielen beim bösen Spiel, jeder kann sich gestatten, anders in den Wald zu rufen, und vielleicht schallt es dann anders heraus.

Damit dies leichter gelingt, empfiehlt sich eine Übung aus der systemisch-konstruktivistischen Praxis, das sogenannte Umdeuten. Es geht dabei nicht um ein bloßes Umdeuten als beliebiges Spiel - auch wenn oft schon der bloße Perspektiv- und Deutungswechsel nützlich ist, die Flexibilität in der Bedeutungsgebung und damit die Erweiterung des Möglichkeitsraumes fördert. Letztlich geht es um die interaktionellen Konsequenzen dieser geistigen Operation: Die Deutung eines nicht eingetroffenen Antwortbriefes als Vergesslichkeit, Böswilligkeit oder möglicher Fehler der Postzustellung führt je nachdem zu ganz unterschiedlichen Beziehungsauswirkungen, konstruiert im Fortgang ganz andere Wirklichkeiten. Von der ersten, unmittelbaren, vielleicht stark affektgeprägten Deutung wegzugehen, weitere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen erschafft Freiraum für Entscheidungen und Prüfungen, für neue "Spielzüge" und Schritte im gemeinsamen Tanz der Interaktion.
Wechselseitigkeit im Alltag unterscheidet sich von Wechselseitigkeit in den Beziehungen großer Organisationen oder Staaten. Verlaufen die Kontakte in gezielt initiierten Prozessen oft in klarer zeitlicher Abfolge - A führt Raktenabwehrsysteme ein, B zieht nach; A schickt Pingpongspieler, B "revanchiert" sich - so laufen die Austauschprozesse in der direkten menschlichen Begegnung blitzschnell und gleichzeitig. Geschwindigkeit und Komplexität dieser simultanen Ereignisse führen einfache Ursache-Wirkungs-Zuschreibungen ad absurdum. Dass wir im Alltag unserer Ich-Befangenheit sehr wohl zu solchen Absurditäten in der Lage sind, zeigen etwa die - potenziell endlosen - Klärungsversuche, wer in einem Streit angefangen habe. Jeder setzt den Anfangspunkt dort, wo er meint, dass der andere sich schuldig gemacht hat, interpretiert und vereinfacht die Vielfalt der wechselseitigen simultanen Verknüpfungen auf seine Weise zu einer simplen Schritt-für-Schritt-Abfolge, bei der der andere "angefangen" und man selbst nur reagiert hat.

Die kybernetische Idee zirkulärer Verbundenheit muss sich nicht auf den Bereich sozialer Interaktion oder ökologische Prozesse beschränken: Über die Verknüpfungen von Beobachtungen geht die sog. Kybernetik II. Ordnung hinaus, indem sie die Rolle des Beobachters selbst thematisiert und die rekursive Verknüpfung aller Aussagen und "Wahrheiten" mit ihm als Subjekt erkennt. HEINZ von FÖRSTER hat aus dieser systemisch-konstruktivistischen Perspektive die Idee der zirkulären Verbundenheit nicht nur mit anderen Menschen, sondern ebenso mit der Welt entwickelt. In seiner KybernEthik befürwortet er "die Haltung des Mitfühlenden und Beteiligten ..., der sich selbst als Teil der Welt begreift und von der Prämisse ausgeht: 'Was immer ich tue, verändert die Welt! Ich bin die Welt, und die Welt ist ich!' (Seite 28) 5)

"Der Mensch ist der Mensch mit dem anderen Menschen, das ist der Mensch. Ich bin durch das Du, ich sehe mich selbst durch die Augen des Anderen und lasse es nicht zu, daß die Beziehung zerstört wird durch die Idee einer objektiv erkennbaren Wirklichkeit, die unsere Separierung erzwingt und aus dem Anderen ein von mir getrenntes Gegenüber macht. Das ist eine Welt von Ideen, die nichts mit dem Beweisen zu tun hat; das muß man erleben oder sehen oder sein. Und plötzlich, wenn man diese Form der Gemeinsamkeit erfährt, beginnt man, zusammen zu tanzen, erspürt den gemeinsamen nächsten Schritt und verschmilzt mit den Bewegungen des Anderen....“ 6)

1) nach SIMON, FRITZ: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich, Heidelberg 1990
2) CHÖDRÖN, PEMA: Wenn alles zusammenbricht. Hilfestellung für schwierige Zeiten, Goldmann München 2001, S. 121 und 122
3) BATESON, GREGORY, Ökologie des Geistes, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankf. a.M. 1992, S. 144 ff
4) BATESON a.a.O. S. 156 ff
5+6) aus: Bernhard Pörksen „Abschied vom Absoluten“ Karl Auer Verlag Heidelberg
2001 aus Kapitel 1, Interview mit Heinz von Förster, Seite 33


© Jörn Osselmann 2003